Geschichte der Reformation in Mägerkingen und Hausen an der Lauchert

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Historischer Bericht zur Reformation in Hausen an der Lauchert und Mägerkingen, der am Reformationsfest 2017 in beiden Kirchen verlesen wurde.

 

Die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts gehörte zu den bewegendsten Epochen der deutschen Geschichte. Herzog Ulrich führte in Württemberg die Reformation ein und grenzte es damit politisch-konfessionell gegen zahlreiche Nachbarterritorien ab.

Für die Menschen, welche in dieser Zeit lebten, bedeutete die konfessionelle Änderung einen Einschnitt, den wir uns in seiner Tragweite nicht vorstellen können. Besonders für die Menschen, die an einer Konfessionsgrenze wohnten, blieb das Problem der Glaubensspaltung über Jahrhunderte hinweg im Bewusstsein. Die Reformation war hier eine nachhaltige Störung nachbarlicher Beziehungen und althergebrachter Verbindungen. Mägerkingen und Hausen bildeten eine württembergisch-evangelische Insel inmitten eines geschlossenen katholischen Gebiets mit den angrenzenden Herrschaften Zollern, Kloster Mariaberg und Fürstenberg. Die schlechte Verwaltung des ohnehin geringen Kirchenvermögens, Konflikte zwischen Pfarrer und Schultheiß sowie die abgeschiedene Lage machte den Geistlichen und den Einwohnern das Leben sehr, sehr schwer.

Herzog Ulrich kehrte im Mai 1534 nach fünfzehnjähriger Vertreibung in sein Land zurück. Am 16. Mai 1534 hielt der hessische Hofprediger Konrad Ötinger in der Stuttgarter Stiftskirche den ersten evangelischen Gottesdienst in Württemberg. Sofort führte Herzog Ulrich die Reformation in allen Städten und Dörfern durch. Er ging dabei über die eigenen Grenzen seines Landes hinaus. In Hausen setzte er sich gegen den Abt von St. Gallen durch, der nach wie vor zur Einsetzung des Pfarrers berechtigt war. Herzogliche Beamte kamen nach Mägerkingen und Hausen, um die Höhe der Pfarrbesoldung sowie die vorhandenen Kirchenkleinodien festzustellen. Der Mägerkinger Pfarrer Johannes Müller bezog mit 100 Gulden eines der höchsten Einkommen im Amt Urach, während der Hausener Pfarrer Ulrich Stöcklin sich mit 35 Gulden jährlich begnügen musste. Die für den evangelischen Gottesdienst unnötigen Kelche und Gewänder wurden aus den Kirchen entfernt. Die ent-behrlichen Gewänder wurden verkauft oder an die Armen verteilt. Die Kelche wurden eingeschmolzen.

Entscheidend für die Einführung des evangelischen Gottesdienstes war die Vorladung aller Pfarrer durch den Konstanzer Reformator Ambrosius Blarer im September 1534. Alle Pfarrer des Amtes Urach hatten auf dem Rathaus der Amtsstadt zu erscheinen. Dort befragte sie Blarer, ob sie willens seien, den evangelischen Gottesdienst in ihrer Pfarrei zu halten. Weigerten sie sich, so wurden sie mit einer Rente versehen, damals hieß das Leibgeding, und aus dem Kirchendienst entlassen. Viele Pfarrer fühlten sich an ihren Priestereid gebunden. Nur etwa ein Drittel war bereit, in den Dienst der evangelischen Kirche überzutreten.

Zu diesen gehörte sowohl der Mägerkinger Pfarrer Johannes Müller als auch der Pfarrer in Hausen, Ulrich Stöcklin. Blarer hatte dem Leben von Johannes Müller eine entscheidende Wende gegeben. Er schrieb Blarer im Jahr 1552: „…ich schulde Dir die Befreiung aus Satans Schlingen und meine Verheiratung. … Ich schäme mich der im Papsttum verbrachten Jugend und trachte, an dem mir anvertrauten Völklein früheren Schaden wiedergutzumachen, weshalb ich auch bisher meine Stelle nicht gewechselt habe.“ Seit dem Tod des Hausener Pfarrers Ulrich Stöcklin 1537 versah Müller auch die Pfarrei Hausen. Gut ein Jahrzehnt nach der Einführung der Reformation geriet diese wieder in Gefahr, als die katholischen Stände im Schmalkaldischen Krieg den evangelischen Fürsten eine vollkommene Niederlage beibrachten. Das ist die Zeit des sogenannten Interims.

Die meisten württembergischen Pfarrer weigerten sich, das Interim anzunehmen und durften nicht mehr Gottesdienst halten. Mit allen Mitteln versuchte die herzogliche Regierung, die kaiserliche Zwangsregelung zu hintertreiben. So erhielten viele Pfarrer eine Anstellung als Katechisten, das sind Religionslehrer. Sie unterrichteten die Jugend in den Grundlagen des christlichen Glaubens und wohl auch im Lesen und Schreiben. Letzteres war wichtig, damit jeder Christ die Bibel selbst lesen und verstehen konnte, ein Grundanliegen der Reformation.

Johannes Müller blieb in Mägerkingen und nahm das Interim trotz schwerer Heimsuchungen nicht an. Vielleicht hielt er heimlich evangelische Gottesdienste, Taufen und Beerdigungen. Durch die Beziehungen zu den führenden württembergischen Reformatoren war Müller sehr stark mit der lutherischen Lehre verbunden.

Ein der wichtigsten Reformatoren, Johannes Brenz, musste vor den spanisch katholischen Truppen fliehen, die ihn überall suchten. Im Herbst 1550 fand er Zuflucht bei Johannes Müller in Mägerkingen. Das kleine Dorf bot sich vor allem deshalb als Zufluchtsort an, weil im Schloß in Steinhilben ein württembergischer Forstmeister seinen Sitz hatte. Bei drohender Gefahr konnte Brenz schnell in das andere Herrschaftsgebiet flüchten. Dort konnten die kaiserlichen Truppen seiner nicht habhaft werden. Herzog Christoph gelang es die Aufhebung des Interims zu erreichen. 1552 konnte der evangelische Gottesdienst wieder unangefochten stattfinden.

1564 bat Johannes Müller, schon fast 70 Jahre alt, um den Ruhestand. Drei Jahre zuvor hatte man ihm die Pfarrei Hausen genommen, um dort einen eigenen Pfarrer einzusetzen. Sein Brief verrät eine tiefe Enttäuschung über die Glaubensspaltung: „Den Untertanen in der ganzen Trochtelfinger Herrschaft (obwohl sie täglich zu uns kommen) wird doch von ihrer Obrigkeit, in unseren Kirchen die Predigt zu hören, streng verboten. Aber dass ihre armen Leute täglich uns heimsuchen, zu uns kommen und uns ständig bitten, unser Almosen mit ihnen zu teilen, ist ihnen von ihrer Obrigkeit zugelassen und nicht verboten. Welches auch wir ihnen um Gottes Willen und zu Erhaltung desto besserer Nachbarschaft nach unserem Vermögen mitteilen, ohne Ansehen, dass sonst der Überlauf von anderen fremden Bettlern auch groß ist.

Die württembergische Kirchenleitung entließ Johannes Müller in den Ruhestand. Er hatte 46 Jahre lang oft unter widrigsten Umständen sein Amt versehen. Ihm war es zu verdanken, dass das neue Bekenntnis in Mägerkingen und Hausen Eingang gefunden hatte, wenn auch Schwierigkeiten und Reibereien nicht ausblieben. Doch die evangelische Konfession festigte sich.

Eine ganz besondere Schwierigkeit ergab sich, weil seit dem Ende des 16. Jahrhunderts in den katholischen und evangelischen Herrschaften unterschiedliche Kalender galten. Auf katholischer Seite galt der Gregorianische Kalender. Die Evangelischen blieben beim Julianischen Kalender. In Mägerkingen und Hausen ruhte während der Feiertage die Arbeit, in den umliegenden Herrschaften arbeitete man, weil Werktag war, und umgekehrt. Jahrhundertelang kam es zu keiner Einigung. Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie sehr diese unterschiedliche Zeitrechnung das alltägliche Leben in den Dörfern erschwerte.

1620 richtete man in Mägerkingen und Hausen Schulen ein. Die Schulmeister waren gleichzeitig Mesner. Da sie von ihrer Besoldung nicht leben konnten, betrieben sie in der Regel nebenher noch ein Handwerk oder Landwirtschaft. Trotzdem gehörten sie zu den ärmsten Männern im Dorf. Ihre Ausbildung im Lesen und Schreiben sicherten ihnen eine gewisse Anerkennung. 1649 war im Herzogtum Württemberg die Allgemeine Schulpflicht eingeführt worden. Durch die Einrichtung einer Nachtschule in Mägerkingen sollte wahrscheinlich der älteren Jugend die Möglichkeit gegeben werden, ihr Wissen aufzufrischen und zu erweitern. Die Nachtschule brachte dem Schulmeister ein zusätzliches Einkommen und scheint auch von der männlichen Jugend angenommen worden zu sein - nicht zuletzt deshalb, weil sich die Möglichkeit bot, anschließend noch etwas mit den Gleichaltrigen zusammen zu sein. Vielleicht war das ein Vorläufer des heutigen Jugendclubs Räumle!

Die schrecklichen Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges 1618 - 1648

Die eigentliche Katastrophe begann im September 1634, als die evangelischen Stände den kaiserlichen Truppen in der Schlacht bei Nördlingen unterlagen. Soldatenrotten der verschiedensten Herkunft überschwemmten das Land und plünderten es gnadenlos aus. Hunger und Pest rafften die Bevölkerung dahin. Zahlreiche Häuser wurden zerstört, darunter die Mägerkinger Mühle. Die Bewohner wurden gequält und ermordet, die Pfarrer erlagen der Pest, so dass beide Gemeinden ohne Pfarrer waren. Die Kirchenbücher konnten nicht weitergeführt werden. Sie waren die einzigen schriftlichen Urkunden über das Leben im Dorf. Es gab zu wenig Geistliche. Überdies gerieten Mägerkingen und Hausen mit etwa 30 anderen Dörfern unter österreichische Herrschaft. Im Mai 1640 konnten sich die Beamten der katholischen Erzherzogin Claudia von Tirol durchsetzen und sie nahmen den noch lebenden Männern von Mägerkingen und Hausen den Huldigungseid ab. Die Gemeinden klagten bitter. Der katholische Gottesdienst wurde nicht durchgesetzt, aber die Österreicher verspotteten die Dorfbewohner wegen ihrer Konfession. Die Bauern wurden ausgepresst und litten unter dem Streit der österreichischen und württembergischen Beamten. Unter dem Schutz von Bewaffneten wurde das Zehntgetreide auf den Feldern abgeholt und die Not der Menschen wurde immer schlimmer.

Nach dem Westfälischen Frieden wurden Mägerkingen und Hausen wieder württembergisch. Zwei Drittel der Häuser lagen zerstört da. In beiden Dörfern lebten zusammen nur noch 21 Männern. Kirchen und Pfarrhäuser wiesen schwere Schäden auf, in Hausen fehlten Kirchenglocken und Kirchenuhr. Der Dreißigjährige Krieg hinterließ unsagbares äußeres und inneres Elend. Nur langsam kam das Leben wieder in Gang. In Hausen, wo die Not weit schlimmer war als in Mägerkingen, findet sich in den Kirchenbüchern über eine Bewohnerin der Satz: „sie (hat) gar eine lange Zeit ihr Leben im Elend, Hunger und Kummer zugebracht.“

Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden Konfessionen hörte nach dem Kriegsende 1648 keineswegs auf. Besonders ärgerten sich die Mägerkinger über die Trochtelfinger. Unter lautem Gesang zogen die katholischen Gläubigen aus Trochtelfingen mit wehenden Fahnen mehrmals im Jahr auf ihrer Wallfahrt nach Mariaberg durch Mägerkingen. In langen Verhandlungen wurde ein Vertrag mit dem Grafen von Fürstenberg ausgehandelt: In Stille, ohne jeden Gesang sollten die Trochtelfingen auf dem Fahrweg neben dem Dorf vorbeigehen; sobald sie auf württembergischen Gebiet ankamen, mussten sie ihre Fahnen einrollen.

Manch´ ein katholischer Hirte ließ sich in Mägerkingen oder Hausen nieder. Wenn er starb, hatte er keinen Anspruch auf eine kirchliche Beerdigung. Keine Glocke läutete, kein Pfarrer hielt eine Predigt. Meist aber hatte der evangelische Pfarrer doch kein gutes Gewissen dabei und ließ wenigstens eine Glocke läuten. Selbstverständlich versuchte man die Beziehungen zwischen evangelischen Dorfbewohnern und katholischen Dienstboten zu unterbinden. Martin Schlepp war nicht nur mit der Magd Ursula Weber im Pfarrhaus zusammengeschlüpft, sondern hatte bei Mariaberg geraucht und (noch schlimmer) im Kloster die Messe besucht. Das brachte ihm Arrest im Zuchthäusle ein, die Magd entrichtete 15 Kreuzer Strafe. Mit einer Strafe von 10 Schilling Heller belegte der Kirchenkonvent, heute sagt man Kirchengemeinderat, ein Mädchen, das die Lutheraner verflucht hatte.

Eine Dauerklage seit dem Ende des langen Krieges bildete das weitverbreitete Überfeldlaufen der Dorfbewohner an Sonn- und Feiertagen. Oft besuchten ganze Gruppen die Feste in den umliegenden katholischen Dörfern. Auch Mitglieder des Konvents, wurden dabei auch gesehen. Wie konnten sie über andere zu Gericht sitzen? Der Fasnetstanz in Trochtelfingen zog Mitte des 17. Jahrhunderts die Anwohner der evangelischen Dörfer gewaltig an. Die Ermahnungen blieben ergebnislos. In den letzten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts verhandelte man nur noch selten über sittliche Verfehlungen Einzelner.

Es brachen wieder kriegerische Zeiten über die Dörfer aus und belasteten die Dörfer schwer durch Einquartierungen und Plünderungen durchziehender Truppen. Die Menschen verarmten erneut und zogen als Bettler durchs Land. Ihnen wurde geholfen, soweit das möglich war.

Viel erfährt man aus den Kirchenbüchern über das Leben und Sterben in den beiden Dörfern. Häufig brachen Epidemien aus und rafften in kurzer Zeit vor allem die kleinen Kinder dahin. Das Leben auf der Alb war hart. Schlechte Ehen, Streit in der Verwandtschaft, Krankheit und Not. Die Leute kamen wohl fleißig zu den Predigtgottesdiensten an Sonn- und Feiertagen und zum Abendmahl, aber nur wenige erschienen zu den Wochengottesdiensten, die schon um 6 Uhr und bei Bußpredigten schon um 5 Uhr morgens begannen. Der Grund: „Endschuldigen sich, das sie gar ein schwerer Ackerbau und weite Felder haben, daher sie manchmal wider Willen von der Kirch abgehalten würden.“ Das Schlafen in der Kirche ging man mit Geldstrafen an. Sie konnten aber nicht viel ausrichten. Der Kirchenkonvent musste immer wieder ermahnen, in „ehrbarer“ Kleidung zu den Gottesdiensten zu erscheinen; für Frauen, Kinder und Gesinde waren noch am Ende des 17. Jahrhunderts Kleider mit „Reverenzkrägen“ sowie Schleier vorgeschrieben. Dennoch erwies sich die Durchsetzung der Sonntagsheiligung als unmöglich: Arme Leute bettelten, Einwohner kegelten auf öffentlichen Plätzen und schwänzten die mittäglichen Gottesdienste.

Im Jahre 1700 gab es eine große Erleichterung. In Württemberg wurde der Julianische Kalender abgeschafft. So folgte in Württemberg auf den 18. Februar 1700 der 1. März. Nun lagen die Feiertage für Evangelische und Katholiken auf demselben Tag.

Die konfessionellen Konflikte bestanden freilich noch lange fort. Mägerkingen und Hausen blieben erkennbar zwei evangelische Dörfer inmitten katholischer Herrschaften. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde dies durch pietistische Strömungen verstärkt, die in den Dörfern deutlich spürbar wurden.

So hat sich eine eigene Prägung entwickelt, schreibt der Historiker Eberhard Fritz, die durch alle Erscheinungen der Verweltlichung in der modernen Gesellschaft hindurch bis heute spürbar bleibt.

 

(Auszüge aus: Sonderdruck aus „Reutlinger Geschichtsblätter seit 1890“, Jahrgang 1992 – Neue Folge Nr. 31, Eberhard Fritz: Mägerkingen und Hausen an der Lauchert - Zwei Dörfer inmitten des „Papsttums“)

 

Dezember 2017